Berliner Zeilen vom 11. September 2026
Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde,
nach einer Wahl wie der am vergangenen Wochenende in Sachsen-Anhalt darf man erst einmal Fragezeichen haben. Was lernen wir daraus? Was müssen wir anders machen? Und vor allem: Wie gewinnen wir wieder mehr Menschen für eine Zukunft, die sie lieber mit uns als mit den Radikalen gestalten wollen?
Dass darauf am Montag noch nicht alle Antworten vorliegen, ist verständlich. Aber am Mittwoch, bei der Generaldebatte im Bundestag, sollte man langsam welche hören, gerade von unserem Bundeskanzler. Ich habe diese Antworten vermisst. Stattdessen wurde wieder sehr viel über die AfD gesprochen. Über ihre Zwischenrufe, ihr rüpelhaftes Verhalten im Plenum und ihre Provokationen. Das alles muss man nicht hinnehmen. Aber wir sollten aufpassen, dass daraus keine Fixierung wird.
Wer ständig nur auf etwas reagiert, lässt sich nur noch treiben und von außen vorgeben, worüber gesprochen werden soll. Wenn sich alles um Trump dreht, gewinnt Trump. Wenn sich alles um Meloni dreht, gewinnt Meloni. Und wenn sich bei uns alles um die AfD dreht, gewinnt am Ende eben die AfD.
Ich will damit nicht sagen, dass wir über Rechtsextremismus schweigen sollten. Im Gegenteil. Wir müssen ihn benennen und bekämpfen. Aber die demokratischen Parteien sollten ihre Politik nicht danach ausrichten, was die AfD gerade sagt oder tut. Sie müssen selbst sagen können, wo sie hinwollen.
Wir sollten erkennen, dass es etwas mit Menschen macht, wenn beispielsweise die Automobilindustrie absinkt oder die Pisa-Ergebnisse erneut nach unten zeigen. Nicht nur die, die es betrifft. Es betrifft den Stolz unseres ganzen Landes. Die Radikalen bieten dafür Nationalismus und völkisches Gedankengut. Unsere Antwort muss eine große Kraftanstrengung sein, die Probleme dieses Landes endlich konzertiert anzupacken, die Menschen zur Mitwirkung einzuladen, uns gemeinsam wieder rauszuschaffen aus Missmut und Pessimismus. Ja, das hätte unsere Regierung am Tag nach der Wahl tun können, stattdessen ging es wieder munter durcheinander. Dabei ist es genau dieses Durcheinander, das viele satt haben und sie den Glauben an die Handlungsfähigkeit der Demokraten verlieren lässt.
Vielleicht hilft auch ein anderer Blick auf das Wahlergebnis: Rund zwei Drittel der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt haben die AfD eben nicht gewählt. Das ist die Mehrheit. Das ist die Mitte unserer Gesellschaft. Sicher nicht mit allem zufrieden. Manche sind enttäuscht, andere ungeduldig oder sie zweifeln daran, ob Politik ihre Probleme überhaupt noch sieht. Aber diese Menschen sind da. Und auf sie sollten wir unseren Blick stärker richten. Denn gerade sie haben jetzt zurecht Sorgen und damit dürfen wir sie nicht allein lassen.
Wenn die Mitte wieder Orientierung bekommt und Lust auf Zukunft entwickelt, werden wir auch Menschen zurückgewinnen, die sich heute an den politischen Rändern sammeln.
Deshalb werbe ich dafür, unsere Kräfte auf drei große Aufgaben zu konzentrieren.
- Erstens: Wir müssen wirtschaftlich wieder zum Motor Europas werden, um Arbeitsplätze zu sichern, unseren Sozialstaat zu stärken und handlungsfähig zu bleiben.
- Zweitens: Wir müssen die Übergriffigkeiten der Großmächte zurückweisen und in einem neuen Bündnis der guten Nachbarn an unserer eigenen Stärke und Unabhängigkeit arbeiten. Europa darf nicht davon abhängig sein, ob man in Washington, Moskau oder Peking gerade gut auf uns zu sprechen ist.
- Drittens: Wir müssen unseren Sozialstaat so aufstellen, dass er auch kommenden Generationen Sicherheit in Solidarität bieten kann. Einen Sozialstaat, der Menschen auffängt, wenn sie ihn brauchen, und so verlässlich ist, dass auch unsere Kinder noch auf ihn vertrauen können.
Drei große Ziele. Nicht hundert kleine Botschaften. Ziele formulieren. Zwischenerfolge zeigen. Ehrlich sagen, wenn etwas nicht klappt.
Zukunft entsteht nicht dadurch, dass Politik jeden Tag erklärt, wovor wir Angst haben sollen. Sie entsteht, wenn wieder genug Menschen das Gefühl haben: Da können wir hin. Und da möchte ich mit. So nehmen wir Apokalypse, Nostalgie und schlechter Laune die Nahrung.
Herzliche Grüße
Ihr/Euer Lars Castellucci
PS: Zum Ende der Sommerpause haben wir mit einem fulminanten Start hingelegt. Unser Verein Pizza & Politik hat seine erste Jugend-Werkstatt veranstaltet. Seit vielen Jahren schon bringt Pizza & Politik junge Menschen mit Politikerinnen und Politikern ins Gespräch. Gemeinsam wird daran gearbeitet, Möglichkeiten für politische Beteiligung weiterzuentwickeln und bundesweit zu verbreiten. Hier seht Ihr/sehen Sie ein paar Fotos mit Eindrücken vom Tag (Fotos: Oliver Wagner). Und wer unseren kleinen, sehr feinen Verein unterstützen möchte, kann das hier tun.

Termine
- Samstag, 12. September, 14.00 Uhr: Krähbuckellauf, Biddersbachhalle, Wiesenbach
- Samstag, 12. September, 18.00 Uhr: Eröffnung der Hilsbacher Kirchweih, Festhalle, Hilsbach
- Dienstag, 15. September, 18.30 Uhr: Lobbacher Gespräche: „ZUSAMMENwachsen. Ost und West im Dialog über eine gemeinsame Zukunft“, Manfred-Sauer-Stiftung, Lobbach
- Mittwoch, 16. September: „Eine Welt ohne Krebs?“, Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften, Heidelberg
- Mittwoch, 16. September: „Wie wollen wir leben?“, Schwetzinger Höfe, Schwetzingen
- Donnerstag, 17. September: „Wo entsteht Innovation?“, CONCAD, Walldürn
- Freitag, 18. September, 18.00 Uhr: Verpflichtung von Bürgermeisterin Petra Müller-Vogel, TSV Halle, Gaiberg
- Freitag, 18. September, 19.00 Uhr: Diskussionsveranstaltung: „Hilfe zum Sterben. Braucht es dafür ein Gesetz?“, Kulturhaus Wiesloch, Wiesloch
- Samstag, 19. September, 16.00 Uhr: Eröffnung der Schönauer Kerwe, Festplatz, Schönau
- Sonntag, 20. September, 10.30 Uhr: Gottesdienst mit Gastpredigt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht“, Auferstehungskirche, Überlingen
- Mittwoch, 23. September, 18.00 Uhr: Mitmacht Festival, Cube Plenum, Berlin

