Sexualisierte Gewalt gehört zum Schlimmsten, was Kindern und Jugendlichen angetan werden kann. Dies gilt besonders, wenn die Täter enge Bezugspersonen sind – ob in der Familie oder Freundeskreis, in Bildungs- oder Jugendhilfeeinrichtungen, im Verein oder im kirchlichen Bereich. Der Gesetzgeber und auch viele Organisationen sind in den vergangenen Jahren tätig geworden, Gesetze wurden verschärft, Institutionen geschaffen. Besonders im Bereich Prävention wurde massiv investiert.

 

Ich arbeite für eine Null-Toleranz-Strategie. Sie erfordert, das Thema weiter aus der Tabuzone herauszuholen und alles Menschenmögliche dafür zu tun, Taten zu verhindern. Eine Strategie heißt auch, dass es eine Gesamtschau braucht, dass Ziele definiert und mit Maßnahmen unterlegt werden, an denen nachvollziehbar und überprüfbar gearbeitet wird. Und dass dann auch überprüft wird und gegebenenfalls nachgesteuert werden kann.

 

Mein Engagement ist in erster Linie ein Engagement aus Solidarität und gegen die Ohnmacht Betroffener. Viel zu oft stehen die Täter und Täterorganisationen im Fokus, weniger die Opfer. Derzeit scheint es in das Belieben von Organisationen gestellt, ob bzw. wie oder auch wie konsequent sie handeln. Betroffene erleben das erneut als Machtungleichgewicht, gegen das sie ankämpfen müssen, wenn sie die Kraft dazu haben. Die Sicht der Betroffenen ist es, die weiterhin zu wenig berücksichtigt wird.

 

Handlungsbedarf ist da: Es braucht eine nationale Strategie gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Ich setze mich für die Stärkung der Institutionen des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs und der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ein. Außerdem muss die Selbstorganisation der Betroffenen finanziell und strukturell gestärkt werden.

 

Ich habe einen 10-Punkte Plan erstellt, der aufzeigt, was meiner Meinung nach beim Aufarbeitungsprozess passieren muss. Diesen habe ich auf der Tagung zum Umgang mit sensiblen Daten der Unabhänigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs vorgestellt:

  1. Unsere Tagung wirft gleich die ganz entscheidende Frage auf, für die ich noch keine abschließende Antwort gefunden habe, nämlich die nach den Akten. Wenn Staatsanwaltschaften die verjährten Fälle nicht mehr anrühren, braucht Aufarbeitung dann nicht ein Recht auf Akteneinsicht? Ich kann mir, offengestanden, nicht vorstellen, dass weitere Ordner mit der Aufschrift „Brüder im Nebel“ existieren. Aber ich habe mir eben auch schon diesen einen Ordner nicht vorstellen können.

 

  1. Offensichtlich misslingende Aufarbeitungsprozesse untergraben die Arbeit dieser Kommission und zerstören Vertrauen, dass wir als Gesellschaft angemessen auch mit solch schwierigen Fragen umgehen können. Im Rahmen der Aufarbeitung innerhalb der Kirchen folgt ein Gutachten dem nächsten, keines ist mit dem anderen wirklich vergleichbar, keiner weiß, wie es weitergeht und was er zu den Veröffentlichungen eigentlich noch sagen soll. Das kann man so nicht länger laufen lassen. Die Aufarbeitungskommission muss in die Lage versetzt werden, einen verbindlichen Rahmen für Aufarbeitungsprozesse vorzugeben – unter anderem räumlich: für ganz Deutschland; zeitlich: mit einem klaren Enddatum – und diesen begleitend zu evaluieren. Dafür muss die Aufarbeitungskommission gestärkt werden.

 

  1. Dafür braucht die Kommission, ebenso wie die Unabhängige Beauftragte, eine gesetzliche Grundlage, die Auftrag, Ziele und Kompetenzen beschreibt. Organisationen, in deren Rahmen sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen aufgetreten ist, müssen gegenüber der Kommission rechenschaftspflichtig werden.

 

  1. Ohne den früheren Unabhängigen Beauftragten gäbe es keine Kommission, doch die Konstruktion als Unabhängige Kommission des Unabhängigen Beauftragten ist leider schwach. Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Es betrifft unterschiedliche Bereiche, es fordert unterschiedliche Bereiche. Das Thema gehört entweder ins Kanzleramt oder ans Parlament gekoppelt.

 

  1. Die Unabhängige Kommission wird, ebenso wie die Unabhängige Beauftragte, bislang nicht ausreichend im politischen Raum wahrgenommen. Sie muss künftig regelmäßig einen Bericht an den Deutschen Bundestag verfassen, der einer Debatte und Arbeit in den Ausschüssen bzw. der Kinderkommission zugeführt wird. Wir müssen politische Zuständigkeit für Aufarbeitung schaffen und dürfen das Thema nicht länger nur an Institutionen delegieren.

 

  1. Die Kommission soll sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland seit 1949 untersuchen. Das kann nicht ehrenamtlich gelingen. Gleichzeitig ist die Expertise aus unterschiedlichen Perspektiven wertvoll, die kaum für Hauptamtlichkeit zur Verfügung stehen. Die Lösung liegt darin, die bisherige Kommission als Steuerungsgremium für die Aufarbeitungsprozesse zu sämtlichen Formen und Bereichen sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu verstetigen und ihr die direkten Personalmittel oder besser Budgets zur Verfügung zu stellen, um, wahrscheinlich konsekutiv, Bereich nach Bereich, die Aufarbeitungsarbeit zu leisten. Es muss gelingen, dafür die besten Fachleute zu gewinnen.

 

  1. Die Arbeit der Kommission ist derzeit bis 2023 befristet. Sie sollte entfristet werden. Sie muss so lange bestehen, bis sie ihre Aufgabe erfüllt hat.

 

  1. Als Basis für diese Arbeit braucht es endlich eine Dunkelfeldstudie und in der Folge regelmäßige, repräsentative Erhebungen, um das Ausmaß des vergangenen Unrechts, die Wirksamkeit von Gegenstrategien und neue Entwicklungen ermessen zu können.

 

  1. Auch die Aufarbeitung von Einzelfällen braucht einen verbindlichen Rahmen, soweit er von den Betroffenen gewünscht ist. Die Bearbeitung darf sich nicht ins Unendliche ziehen. Niemand sollte mit seinem Anliegen auf die Organisation verwiesen bleiben, in deren Rahmen die Taten geschehen sind. Mindestens braucht es eine unabhängige Clearingstelle, die angerufen werden kann, wenn sich die Dinge verhaken.

 

  1. Schließlich: Verantwortung muss man da lassen, wo sie liegt. Betroffene sind zu beteiligen, aber sie haben keine Verantwortung für das, was geschehen ist. Also sollten sie auch keine Verantwortung für die Aufarbeitung übertragen bekommen, schon gar nicht unter der Regie der Organisationen, in deren Rahmen die Taten stattgefunden haben. Ich halte das für eine Fehlkonstruktion. Die Probleme, die in diesem Zusammenhang bereits aufgetreten sind, können niemanden verwundern. Es liegt nicht nur an menschlichen Fehlern, das System stimmt nicht.